Wenn ein Maler das
Bedürfnis verspürt, einen
ganz bestimmten Berg
besteigen zu wollen, dann
muss man davon ausge-
hen, dass es sich um eine
spezielle Erhebung
handelt. Und die Höfats ist
gewiss ein ganz besonde-
rer Berg. Sie spielt mit
Form und Farbe. Jeder, der
einen Sinn für Ästhetik
hat, wird von ihr
angezogen. Und jeder, der
des Bergsteigens kundig
ist, will an ihren messer-
scharfen Graten klettern.
120
Jahre: Erste Traversierung aller vier Höfatsgipfel
Wie auf
Messers Schneide
Das Gemälde von Ernst Platz
dokumentiert das felsdurchsetzte
Steilgras an der Höfats!
Bild: Archiv Heckmair-Auffermann -
freigegeben durch Ulrich Haug
E
rnst Platz, der große Berg-
maler und alpine Illustrator,
traversierte im Sommer 1892 zu-
sammen mit Leutnant L. Stritzl und
H. Kranzfelder erstmals alle vier
Höfatsgipfel.
Ein kühnes Unterfangen
Eine schwierige, ausgesetzte
Erstbegehung, die Platz in zweierlei
Hinsicht herausforderte. Natürlich
als Alpinist, der er ohne Zweifel
war, denn das Unternehmen war
für die damalige Zeit ein durchaus
kühnes Unterfangen. Gleichzeitig
war er als Künstler eingenommen
von der Höfats, die mit ihren vier
Gipfeln wie eine Kathedrale zwi-
schen dem Oy- und Dietersbachtal
so mächtig in den Himmel ragt. Wie
muss es auf ihn gewirkt haben,
wenn der Berg sich im Zwielicht des
anbrechenden Tages dunkel ge-
tönt, abweisend, ja beinahe uner-
steigbar als Silhouette abzeichne-
te?
Und wie erst, als dann die
Morgensonne den Grasmantel
glanzvoll von schwerem, samte-
nem Grün bis zu spielerischem zar-
ten Hellgrün erstrahlen ließ? Ernst
Platz war begeistert, doch bald
schon forderte die Besteigung voll-
ste Aufmerksamkeit, denn die Tra-
versierung, die die drei Alpinisten
als Erste wagten, erfolgte vom Süd-
ostgipfel zum Nordwestgipfel. Sie